Altenpflegetheater begeistert mit einem besinnlichen Theaterstück von Charles Dickens

Leutkirch – Englisches Teegeschirr, ein Maroni-Ofen, bettelarme Menschen in stilgerechten Kleidern. Schon in der ersten Minute war man ins Jahr 1900 zurückversetzt und konnte sich kaum sattsehen an stimmigen Details wie Tintenfass und Federhalter, aus Holz gebastelte Krücken, karierten Stoffen und Christbaumschmuck. Dieses Jahr wurde „Die Weihnachtsgeschichte“, der englische Klassiker von Charles Dickens, an der Geschwister-Scholl-Schule aufgeführt. „Das wollten die Schüler unbedingt spielen“, sagt Caterina Dreizehnter, bereits zum 24. Mal die Regisseurin beim zweiten Jahrgang der Altenpflegeklasse, in der Pause. „Es war nicht leicht“, erzählt sie, „und eine persönliche Herausforderung, dieses Stück für uns passend zu machen, denn es sind ja vor allem Kinder und Senioren, für die wir spielen.“

Die Mühen haben sich wieder mal gelohnt. Zu sehen gab es jede Menge kinder- und seniorentaugliches Engagement, Spielbegeisterung, Sangeskunst und vor allem viel Innigkeit.

Die Erzählung von der Wandlung des geizigen Kauzes Ebenezer Scrooge, der seine Mitmenschen durch Boshaftigkeit schlimm drangsaliert und für seine bedürftigen Mitmenschen und für das Weihnachtsfest zunächst nur Geringschätzung übrig hat, war für fast 30 Personen angepasst worden. „Der tiefe Sinn der Weihnachtsidee hat die Schüler fasziniert“, so Dreizehnter. Denn in der Nacht vor dem Fest erscheint Mister Scrooge der Geist seines verstorbenen Geschäftspartners, und seine Weltsicht gerät ins Wanken. Der Geist kündigt ihm den Besuch dreier weiterer Geister an, die ihm einen Blick in die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft gewähren und ihn zum Einlenken bringen sollen. Und siehe da, Scrooge ist geläutert: Voller guter Vorsätze geht er in ein neues Leben.

Traditionsgemäß spielt immer der zweite Jahrgang der Altenpflegeschüler das Weihnachtstheater. Frauenlastig ist das Grüppchen naturgemäß. Viele der Schüler haben in ihrem Leben schon andere Jobs gemacht haben, sind nicht mehr blutjung – die älteste Schülerin ist 55 – und so mancher Zungenschlag verrät eine ausländische Herkunft. „In den beiden Klassen sind 34 grundverschiedene Schüler“, sagt Pflegeabteilungsleiterin Sylvia Kubenz-Schmid, „28 davon stehen jetzt auf der Bühne, der Rest ist zuständig für Musik, Werbung und Licht.“ Ein paar Lehrkräfte (wie immer voller Elan Bernhard Thomiczek und Peter Styppa) verstärken die Schauspieltruppe. Caterina Dreizehnter hat das neue Stück „wieder mal ein bisschen umgeschrieben“, aus einem Geist wurde kurzerhand ein Weihnachtswichtel und „so manche schauspielerische Lücke habe ich einfach mit Musik aufgefüllt.“

Viel Herzblut, viel Tiefsinn und am Ende eine Zugabe und tosender Applaus. Für alle, inklusive Näherinnen und Werkstatthelfer, für die Sänger, die Schauspieler, die Requisitenbeschaffer und am allermeisten für die Regisseurin, die wieder einmal ein glückliches Händchen bewiesen hat und mit ihrer Truppe ein starkes Stück Gemeinschaftsarbeit geleistet hat. Dass der Großteil der Schülerinnen und Schüler noch nie vor Publikum gestanden, geschweige denn gesprochen, gespielt oder gar gesungen hat, macht das Großprojekt jedesmal spannend. „Letztlich“, ist sich Kubenz-Schmid sicher, „profitieren alle von solchen Projekten und Aktionen – die Schüler, die Lehrer und später auch die Menschen in den Altenheimen.“ Dass so mancher Schüler über sich hinauswächst oder sich an ein Gesangssolo wagt, wie etwa der weibliche Bettlerjunge, ist dann sicher auch im Berufsalltag spürbar.

Wer als Zuschauer bei einer der drei Aufführungen dabei war – viele Kinder und so manche Senioren aus den Leutkircher Altenheimen waren darunter – musste einfach begeistert sein. Von Scrooge, dem wandelbaren König der Weihnachtsmuffel (Niclas Sabier) oder von seinem Gehilfen Mr. Cratchit (Roman Jehle), von Mrs Weith (Elena Botarel), vom Weihnachtswichtel (Sonja Gmeinder), den Geistern, Scrooges Eltern, und und und. Ein gutes Stück für die Altenpflegeschüler und ein wunderbarer Theaterbesuch für große und kleine Zuschauer, der für so manche bisher noch fehlende Weihnachtsstimmung gesorgt haben mag.