Die Odyssey in Leutkirch: "Ihre Kunst überzeugt und ergreift"

Leutkirch  – Jetzt ist sie offiziell eröffnet: die Ausstellung Odyssey mit den 41 Wächtern der Erinnerung, geschaffen von Robert Koenig. Am Freitagabend fand vor zahlreichen Besuchern und Ehrengästen – an der Spitze der baden-württembergische Innenminister Reinhold Gall – eine bewegende Vernissage auf dem Leutkircher Gänsbühl statt.

Hubert Moosmayer, Sprecher der Initiativgruppe „Orte des Erinnerns“ und der hiesigen Sektion des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie, hieß die Gäste, ganz besonders aber die „Wächter der Erinnerung“ willkommen. Die jüdische Familie Gollowitsch und die Schwestern Haßler seien abgeholt worden in den Tod, „und sie haben eine Lücke auch im Gedächtnis der Stadt hinterlassen. Unser Bestreben ist es, diese Lücke zu füllen.“

„Eine grausame Zumutung“

Flucht und Vertreibung seien auch heute noch ein Thema, schlug Moosmayer den Bogen in die Gegenwart. 44 Millionen Menschen seien weltweit auf der Flucht. Jede Figur auf dem Gänsbühl stehe damit für mehr als eine Million dieser Menschen. Solche Zahlen seien eine „grausame Zumutung für das menschliche Vorstellungsvermögen“, und daher sei umso wichtiger, Einzelschicksale deutlich zu machen: „Das junge Mädchen Gollowitsch ging auf dieselbe Schule wie viele von Ihnen, ging durch diese Straßen, ging über diesen Platz zum Kinderfest“, wandte sich Moosmayer an die Leutkircher.

Der Leutkircher Oberbürgermeister Hans-Jörg Henle nannte die Odyssey „ein sichtbares Zeichen gegen das Vergessen, für Mitmenschlichkeit, Freiheitsliebe, Menschenrechte und Menschenwürde“. Die Stadt Leutkirch sei geehrt, dass sie die erste in Deutschland sei, in der diese Ausstellung stattfinde. „Die Odyssey fordert uns alle zu aktiver Einflussnahme auf, fordert uns auf, die wichtigen Schlüsse aus der dunkelsten Epoche deutscher Geschichte zu ziehen, die Erinnerung wachzuhalten und weiterzugeben“, blickte auch Henle in Gegenwart und Zukunft.

Dank der Schüler

Für diese Gegenwart und Zukunft steht Milena Mast. Sie ist Schülersprecherin am Hans-Multscher-Gymnasium, das als erste Leutkircher Schule für ein Jahr die Patenschaft für eine Figur übernehmen wird, die Robert Koenig in den kommenden Wochen hier in Leutkirch schaffen wird. Dafür dankte Mast dem Künstler. „Vertreibung, Entwurzelung, Ausgrenzung – das gibt es auch heute bei uns im Kleinen. Die Figur gibt uns die Chance, uns daran zu erinnern und uns damit auseinanderzusetzen.“

Innenminister Gall stellte die Verantwortung an den Anfang seiner Gedanken. Es gebe eine Verantwortung für ein „Nie wieder!“ Da es immer weniger Menschen gebe, die diese Zeit erlebt haben, müsse eine moderne und kreative Erinnerungs- und Gedenkkultur geschaffen werden. Die Odyssey gebe dazu dank ihres niederschwelligen Zugangs und ihres Standorts im Herzen der Stadt einen wichtigen Impuls. „Ihre Kunst überzeugt und ergreift, weil sie Menschen verbindend zu uns spricht“, wandte sich Gall an Robert Koenig.

„Mischt Euch ein“

Sie sei auch ein „Appell an uns alle, hinzusehen, uns einzumischen, wo Unrecht geschieht, wo Menschen würde und Menschenrecht gefährdet sind. Daher: Mischt Euch ein, seid neugierig“, forderte Gall vor allem die junge Generation auf.

Robert Koenig selbst zeigte sich überwältigt von der Resonanz seiner Ausstellung in Leutkirch. Er dankte Claudia Bühler, dass sie bei ihrem Besuch in London die Ausstellung entdeckt, ihren wahren Wert erkannt und sie daher nach Deutschland geholt habe. „Es war sehr wichtig, die Odyssey nach Deutschland zu bringen, und ich bin sehr dankbar, sie hier ausstellen zu dürfen“, so der Brite polnischer Abstammung, dessen Rede von Claudia Bühler übersetzt wurde.

Die Ausstellung wurde höchst einfühlsam von Verena Stei mit dem Violoncello umrahmt. Die Musikkapelle Reichenhofen, die an diesem Abend das Standkonzert gab, sorgte für den Ausklang.

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