Kleines Nostalgie-Universum: Sammeln von Spiel- und Modepuppen aus dem 19. und 20. Jahrhundert

Leutkirch – Mit Puppen spielen, das machen wohl alle Kinder und Mädels gerne und jede hat ihre Lieblingspuppe. Das Hobby Puppensammeln allerdings findet leider immer weniger Anhänger. In Zeiten von Barbie und sprechenden, trinkenden und windelnässenden Puppen ist das Sammeln von nostalgisch-wertvollen Puppen besonderer Marken in den Hintergrund geraten. Eine Seniorin aus einer Teilgemeinde von Leutkirch hat nicht nur 20 Jahre lang Puppen gesammelt, sondern auch fast all ihren Puppen schöne Bekleidung selber genäht, naütrlich im Stile ihrer Zeit. Puppen als Spielzeug gibt es seit es Menschenkinder gibt, anfangs als Holz- und Strohpuppen, später wurden die Köpfe aus wertvollem Porzellan hergestellt. Es gab auch eine Art Papmachee, genannt Masse-Kopf, bis dann Zelluloid und später Plastik als Polyvinyl die Welt eroberte, auch in der Puppenindustrie.

Puppenhochburgen in Thüringen und Franken

Die Puppenhochburgen der deutschen Hersteller waren in Thüringen und in Franken. Ein wichtiger Name war Kämmer & Reinhardt, der in Kooperation mit dem Porzellan-Puppenkopffabrikanten Simon & Halbig ab etwa 1880 produzierte. Die bekannte Marke Schildkröt stammt aus dem Haus Rheinische Gummiwerke in Mannheim, die es ab 1873 gab und u.a. auch Puppen herstellte. Unverkennbar im Ausdruck und auch an dem Zeichen der Schildkröte in einem Karo am Nacken des Modells.

Französische Puppen gingen als Models auf Reisen
Puppen mit der klangvollen Kennzeichnung „Armand Marseille“ kamen ebenfalls aus Deutschland und alle waren mit dem Zeichen AM und einer Nummer versehen. Sehr viele Puppen wurden zudem in die USA exportiert. Genannt seien auch zwei große französische Puppenhersteller namens Bru und Jumeau. Sie finden sich kaum in Sammlungen, denn sie waren schon immer teurer, edler und erreichten nicht selten viele Tausend Euros bei Versteigerungen.

Markant war der feingliedrige Körper, schmale Füße und zartes Gesicht. Zunächst wurden sie als Modepuppen hergestellt, mit denen man zwischen europäischen und amerikanischen Großstädten die neueste Mode im Detail präsentieren konnte. Das war vor der Zeit der Fotografie und lange vor den heutigen Cat-Walks der vielen Mode-Labels.

20 Jahre auf Märkten unterwegs

Wer in das Universum dieser edlen Puppen eintauchen wollte, für den gab es früher jede Menge Lesestoff sowie Bestimmungsbücher, damit man eine Puppe mit Nummer zuordnen konnte. „Der Markt gibt nicht mehr viel her und Puppen aus Haushaltsauflösungen landen meist im Wertstoffhof, weil niemand etwas damit anfangen kann“, sagt die Sammlerin und ist froh, viele „Schätze“ ergattert zu haben. Fast 20 Jahre ist sie dafür unterwegs gewesen, auf Börsen und Märkten zwischen Hamburg, Berlin und Süddeutschland. Angefangen hat ihr Hobby eigentlich mit edlen Knöpfen und Schnallen.

In den 80er Jahren arbeitete die flotte Allgäuerin in einem Knopfgroßhandel in Kaufbeuren, der für namhafte europäische Modehäuser fertigte und lieferte. Eine Freundin ersteigerte damals auf einer Puppenbörse in England eine Puppe im Wert von etwa 5.000 D-Mark und wollte diese neu einkleiden. Die Freundin fragte sie nach passenden kleinen Knöpfen und so kam es, dass auch die zukünftige Sammlerin mit besonderen Knöpfen aus Glas, Perlmutt oder Metall, mit Schnallen oder Schariwari für hochwertige Puppenkleidung selber auf Puppenbörsen ging, denn diese Ware war rar und sehr gefragt.

„So tauchte ich immer mehr in diese Welt der hochwertigen Puppen und ihrer besonderen Garderobe ein, fand Gefallen daran und begann, selber Puppen zu sammeln“, erzählt die Seniorin, die auch immer schon gerne genäht hat. Bis heute fertigt sie Kleider, Blusen, Hosen, Mützen usw., passend zur Zeit der jeweiligen Puppe. Dazu nimmt sie Stoffe von Annodazumal, ergänzt die Kleidung mit liebevollen Details, ein Hut passend zum Kleid, hier noch eine Spitze oder Rüsche, da noch Söckchen oder gehäkelte Strümpfe und auch die Unterwäsche, als „Liebestöter“ bis zum Knie bekannt, darf nicht fehlen.

Stern-Mütze, Flirt-Augen und Reyon-Perücke

Sie näht, kombiniert und kleidet alle Puppen chic ein. Neben der Puppenprominenz mit Rüschen- und Spitzenkleidern, pompösen Röcken, mit Top-gestylten Frisuren, französischen Schnallenschuhen findet sich u.a. auch ein Puppen-Bube mit kurzer Hose, Festtags-Trachtenjanker, Stern-Mütze und Haferlschuhe.
Auf der Kommode glänzt eine stattliche, dunkelhäutige Schönheit mit sogenannten Flirt-Augen, die hin und her und auf und ab rollen können. Die Afrikapuppe stammt von Hersteller König & Wernicke, ebenfalls Thüringen, ein Jahrgang um 1940 aus keramikartiger Komposition, mit offenem Mund und Zähnen sowie einer Reyon-Perücke, ein haarähnlicher Kunststoff, der als Perücke aufgeklebt wurde.

Überhaupt gab es viele Zulieferer für die Puppenherstellung. Porzellanköpfe, Brustplattköpfe aus Zelluloid, die dann mit dem Körper aus Leder oder Leinen verbunden wurden, ebenso Puppen-Perückenhersteller, die aus Kunst- oder Echthaar oder Ziegen-Mohair waren. Als Kleidung gab es nicht viel Auswahl zu kaufen, damals nähten die Frauen noch das Meiste selber, für sich, für die Kinder und für ihre Puppen.

„Ich mag die alten Puppen aus Masse oder mit Porzellan und nicht diese modernen „Vinyl-Monster“, sagt die Sammlerin und zeigt eine große „Armand Marseille“ mit Morgenmantel und Haube im Jugendstil um 1900, die sie selber aufwendig eingekleidet hat, sogar mit Hohlsaum bestickt. Eine Besonderheit ist auch das Puppenbaby MiBlu mit gemalten blauen Augen und etwas traurigem Blick, hat noch das wohl 100 Jahre alte Original Baby-Jäckchen an. Das Höschen hat ihm Erika gestrickt.

Lange Wimpern, kleine Brüste, dicke Backen

Es gab Puppen mit Baby-, Kinder oder Erwachsenengesichtern, mit Rouge an den Wangen, langen Wimpern, aus Zelluloid modellierte Haare oder kleine Brüste und meist waren Puppen insgesamt fülliger gestaltet, sahen gesund und gut genährt aus, mit stämmigen Armen und Beinen, manche sogar mit Doppelkinn und dicken Backen. Puppen halfen den Kindern sinnbildlich, Notzeiten zu überbrücken.

Eine Lieblingspuppe unter all ihren Sammelobjekten hat sie nicht wirklich. Alle seien auf ihre Art schön, haben einen bestimmten Ausdruck, ein unverkennbares Lächeln“, meint sie und entschied beim Kauf nur nach Aussehen und Material.  Zur Sammlung der Puppenliebhaberin gehören auch Korb-Puppenwägen vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zu Kriegszeiten, ebenso Puppenbettchen mit Spitzenbettwäsche, Kinderhochstühle und Schaukelpferde und sogar Geschirr und Spielzeug, extra für Puppen. Alles was es für die Kinder neues gab, wurde auch für Puppen in Kleinformat hergestellt.

Sie hofft, dass das Hobby nochmals auflebt und junge Frauen Gefallen an Mode- und Spielpuppen vergangener Zeiten finden. Nur so kommen sie wieder zu Ehren und zur Wertschätzung. Es sind nicht unbedingt finanzielle Werte, sondern vielmehr ideelle. Eine schöne Puppe mit Flirtaugen, voller Haarpracht und prächtiger Kleidung sei doch etwas anderes, als ein Puppen-Roboter, der singen, heulen und auf Fragen antworten kann und ganz nebenher mit einer eingebauten Software vielleicht noch das Kinderzimmer ausspioniert, meint die Allgäuer Puppenmutter.

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