Leutkircher Familien- und Gasthausgeschichte: Im Rebstöckle saßen namhafte Leutkircher am Stammtisch

Leutkirch – Vor Kurzem hat Patrizio Belfiore aus Leutkirch ein italienisches Feinkostgeschäft in der Bachstraße eröffnet. An der Hausecke hängt ein Wirtshausschild „Weinstube zum Rebstock“ oder wie die Gäste es nannten, das Rebstöckle, das es fast 90 Jahre lang hier gab. Eröffnet und bewirtet hatten es zunächst die Großeltern und dann die Eltern Leuter von Marie-Luise Netti vom Leder-Bazar, bis zur Schließung 1980. Den Leder-Bazar gibt es bis heute rund 120 Jahre lang. Wie alles entstand zeigt der Blick zurück in eine Leutkircher Familiengeschichte:

Die Großmutter Luise von Frau Marie-Luise Netti hat Ferdinand Dorner 1903 geheiratet, der in dem Haus zwischen Markt- und Bachstraße zu Hause war und das Geschäft Bazar sowie die Weinstube zur Bachstraße hin vor rund 120 Jahren eröffnet hat. Dorner verstarb früh und Luise heiratete 1912 den Bankkaufmann Arthur Hauser, der den Laden sowie die Gaststätte mit ihr zusammen weiterführte. Zwei der vier Töchter, Eugenie (Mutter von Frau Netti) und Maria übernahmen das Rebstöckle, das ein beliebter Treffpunkt war, mit namhaften Geschäftsleuten und Bürgern am Samstags-Stammtisch.

Alteingesessene Leutkircher wie Landmaschinen Max Merk, Sparkassenchef Karl Wagner sowie Foto Wagner, Heizung-Sanitär Otto Krimmer, Alois Stölzle (Radteile Großhandel), der Viehhändler Paul Notz, der Stadtschmied Schorer, Herr Greisle vom Bahnhof, Emil Stotz, der Chef vom Schlachthof, Walter Eppler, Textilfirma, das Leutkircher Original Oskar Bodenmüller, Maler und Künstler und sogar zwei gstandene Frauen, Anna Rupf und Frau Lipp gehörten zum Stammtisch.

Bekannt und beliebt waren die Gulaschsuppen, Schaschlikspieße und Rostbraten von Eugenie und Maria, die teils allerhand aushalten mussten, wenn es am Stammtisch hoch her ging. Zudem wurde in der Weinstube auch Skat gespielt, u.a. mit Notar Joser und Schreiner Stoppel und es gab im Rebstöckle auch den sogenannten Schorle-Club. Dies waren Lehrlinge und Studenten, die sich samstags, teils unter den Augen ihrer Lehrherren oder Lehrer inkl. Schulleiter Anton Blessing, im Rebstöckle vergnügten, während die anderen Karten spielten. Die zwölf tranken vornehmlich Weißweinschorle sauer und kehrten bis zu den Mitte 70er Jahren regelmäßig ein.

Suser und Zwiebelkuchen

Marie-Luise Netti erinnert sich: „Im Herbst holten meine Eltern immer selber den Suser aus Fellbach in Baden Württemberg und nicht den aus Südtirol. Tante Maria konnte einen köstlichen Zwiebelkuchen backen und das gab es dann zusammen zum Gallusmarkt Mitte Oktober. An der Fasnet gab es Kappenabende und auch das Funkenringwürfeln war bei uns eine beliebte Tradition. Die Gewinner nahmen die meisten Funkenringe heim.“

Auch der Sängerkranz, den es seit 1835 gibt, pflegte die Einkehr im Rebstöckle und hielt hier seine „Nachsingstunden“. Die Herren Greisle, Karl Wagner und Ernst Weinbuch konnten besonders wunderbar mehrstimmig singen, nicht nur in der Kirche, auch im Rebstöckle erklangen viele Melodien, erinnert sich Frau Netti und weiter: “Montags kamen immer die Landwirte zum Wochenmarkt. Da mein Vater, Josef Leuter, ein Viehhändler war, kamen die Bauern nach ihren Marktgeschäften gerne zu ihm in die Wirtschaft, aber nur die von Richtung Isny, wie Allmishofen, Urlau, Hinznang.” (Anmerkung: Die Landwirte hatten früher alle ihr bestimmtes Stammlokal, je nach dem aus welcher Richtung sie kamen, z.B. Niederhofen – Gasthäuser in der Memminger Straße usw.)

Das Besondere an der Gasthaus-Einrichtung im Rebstock waren kunstvoll geschnitzte Stühle, in den Rücklehnen waren von einem Herrn Stetter Leutkircher Gebäude oder Motive wie das Nannenbacher Tor eingeschnitzt. Als 1980 die Wirtschaft für immer schloss, wurde der Leder-Bazar erweitert um eine Kofferabteilung und das Nebenzimmer wurde zum Lagerraum.

Stefano Netti kam in jungen Jahren ins Allgäu und heiratete 1977 ins Haus. Er führt mit seiner Frau Marie-Luise bis heute das Lederwarengeschäft in der Marktstraße. Deren Sohn Sandro und Patrizio Belfiore waren einst Fußballfreunde und so kam es aufgrund der Anfrage von Belfiore zur spontanen Entscheidung, den Lagerraum für ein kleines Geschäft mit italienischer Feinkost zur Verfügung zu stellen, was auch gut zum Haus Netti passt.

Foto neuer Feinkostladen: Seit dem 15. August ist die Altstadt nun um ein Geschäft reicher. Patrizio Belfiore  hat im ehemaligen Rebstöckle ein italienisches Feinkostgeschäft eröffnet. Neben einer Moden- und Frisurenshow von Friseur Fessler und der ankleide von Helga Müller, gab es zur Eröffnung mediterrane Musik, Gypsy-Jazz und Trompetenklänge von der Band „Die Propeller“ (re.). Mehrere Hunderte Besucher kamen zu Besuch und wurden gut bewirtet. Vorerst ist jeden Samstag geöffnet, weitere Öffnungstage folgen demnächst.

Text: Carmen Notz und Frau Netti

Fotos Rebstöckle: Fam. Netti, Eröffnung Belfiore: C. Notz

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