Eine Leutkircher Geschichte: Hedi Baumgärtner-Aich und ihr Vater Max haben rund 40 Jahre Betriebe ausgestattet

Leutkirch – Was sich heute Raumausstatter oder Wohn-Designer nennt, war früher der Handwerksberuf Sattler, Tapezierer und Polsterer. In diesem Artikel geht es um den ehemaligen Leutkircher Handwerksbetrieb von Sattler- u. Raumausstatter Max Aich. Dessen Stieftochter Hedwig Baumgärtner-Aich hat 35 Jahre lang in zahlreichen Leutkircher Gebäuden, Betrieben, Gaststätten, Praxen, Villen und Privathäusern Böden verlegt, auf denen man teils heute noch läuft sowie Stühle, Cannapes usw gepolstert, auf denen man heute noch sitzt. Max Aich verdankte sein Überleben in russischer Gefangenschaft in Sibieren seinem Beruf. Als Sattler brauchte man ihn für die Pferdegeschirre. Schwerkrank kam er 1948 wieder in seine Heimatstadt Leutkirch zur Genesung.

Ein Mädle und 30 Burschen in der Gewerbeschule-Klasse

Nach der Meisterschule begann er 1950 in der Brühlstraße mit einer eigenen Werkstatt in zwei Kellerräumen. Da er kein Auto hatte, holte und lieferte er zu Fuß mit einem Leiterwagen Stühle oder Kanapees aus. Noch im selben Jahr heiratete Max Aich Ursula aus dem Bayrischen, deren Mann im Krieg verschollen war. Deren kleine Tochter Hedi lebte bis 1952 noch bei den Großeltern. Mit zehn Jahren kam sie nach Leutkirch, wo sie die Schule abschloss. „Ich war als Kind oft krank, hatte es auf dem Herz und Gelenkrheuma. Es war klar, dass ich nur im elterlichen Betrieb eine Lehre antreten kann“, berichtet Hedi Baumgärtner-Aich und weiter: „In der Gewerbeschule war ich mit 16 Jahren das einzige Mädchen unter ca. 30 Handwerkerlehrlingsburschen. Sie waren alle nett, hatten Achtung vor mir, weil Polsterer ja kein einfacher Beruf für a Mädle war. Damals hat jeder von jedem Handwerksberuf etwas gelernt, man konnte jedes Wissen für sich brauchen.“

Harter Job für Hedi – Manches war gesundheitsschädlich

Hedi hat ihre Gesellenprüfung absolviert und fortan im Betrieb Max Aich gearbeitet, der 1958 in die Memminger Straße (heute Löwencenter) umgezogen ist. Der Vater machte eher die Polsterarbeiten in der Werkstatt, Hedi war viel bei den Kunden, um Böden zu legen. Es waren schwere körperliche Arbeiten mit schweren Werkzeugen und Materialien, wie z.B. eine Eisenwalze oder Sandsäcke zum Beschweren. Nitrokleber, Zweikomponentenkleber oder Härtemittel hatten noch giftige Inhaltsstoffe. Die junge schlanke Frau machte auch Tapezier- und Deko-Arbeiten. Beim Polstern gab es Stahlfedern und Jutegurte zum Spannen, widerspenstige Rosshaar-Füllungen, Kapok aus Java usw.

Unzählige Betriebe und Gaststätten ausgestattet

„In den 70er Jahren kam ein Großauftrag von der Schwäbischen Zeitung in der Rud.-Roth-Straße. Alleine legte ich 20 Meter lange Gänge sowie alle Treppen und Büros mit PVC- und Teppichböden. Auch im Georg-Schneider-Haus hab ich von Hand und alleine die ganze Wendeltreppe im Erkerbau mit Gummifliesen belegt. Sie sieht heute noch gut aus“, schmunzelt die flotte 77-Jährige, die ihr Leben lang mit vielen Krankheiten zu kämpfen hatte. Trotzdem hat sie mit Max Aich und seinen Mitarbeitern bis in Stuttgart, Ulm und im Raum Ravensburg unzählige Aufträge erledigt. In Leutkirch gibt es kaum ein öffentliches Gebäude, das in den 35 Jahren nicht mal mit Böden, Polster- und Raumausstatterarbeiten vom Betrieb Max Aich bedient worden wäre. Sei es im ehemaligen Krankenhaus, im Kinderheim St. Anna, in Arztpraxen, in Kindergärten und Schulen, in Firmen und Einzelhandelsgeschäften, in Gasthöfen und Cafes oder in Privathaushalten, wo sie in Handarbeit für schöne Böden oder Fensterdekos sorgte, oder Stühle, Bänke, Sofas und Canapes bezog oder restaurierte. Die Materialien haben sich im Laufe der Zeit auf mehr Bio und Natur verändert.

Das Löwencenter entsteht – Max Aich zieht um

Anfang der 80er wurde das Löwencenter gebaut, Max Aich zog mit Werkstatt samt Wohnung gegenüber in die Memminger Straße (heute Versicherungsbüro), wo er bis 1998 arbeitete. Erst mit 78 Jahren hörte er auf und starb im Jahr 2000. Hedi Baumgärtner konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht weitermachen und so war dies das Ende des Leutkircher Betriebes.

Bilder alle von Privat, Klassenfoto Gewerbeschule Ehemalige, Drogerie Rosenberger und der ehemalige Betrieb von Max Aich, wo heute das Löwencenter in Leutkirch steht.

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Über Carmen Notz

Freie Journalistin für die Beilage "Leutkirch hat was" seit 2008 und der online-Zeitung "Wir in Leutkirch" seit Herbst 2013, beides Produkte der Schwäbischen Zeitung, Lokalverlag Leutkirch.