Ende der handwerklichen Backkunst in Friesenhofen: Bäckerei Fakler mit Lebensmittelladen schließt am 31. Dezember für immer

Friesenhofen – Nach seiner Heimkehr vom II.Weltkrieg nahm der gelernte Bäcker und spätere Bäckermeister Alois Fakler die Chance wahr, in Friesenhofen eine Bäckerei zu eröffnen. Zuerst 1948, in einem gemieteten Haus, ab 1953 dann im eigenen Haus. Dem ältesten seiner drei Söhne war das Bäckerhandwerk in die Wiege gelegt. Jörg Fakler übernahm den elterlichen Betrieb. 54 Jahre lang übte er seinen Beruf mit viel Leidenschaft und als seine Lebensaufgabe aus. Am 1. Januar 2019 schließt die Backstube samt Lebensmittelgeschäft. „Es hat sich weder ein Bäcker gefunden, der weitermacht, noch ein Interessent für den Lebensmittelladen“, bedauern Jörg und Maria Fakler, die lange gesucht und den Termin für die Schließung immer wieder hinausgeschoben haben.

Jörg hat seine Lehre mit 14 Jahren begonnen und steht seitdem fast jeden Morgen ab 2 Uhr in der Backstube. Früher war eine 7-Tage-Woche selbstverständlich, denn auch am Sonntag war die Bäckerei geöffnet, den seine Mutter Paula Fakler lange betrieben hat. (sw-Bild aus dem Jahr 1958)

Vorteig für Qualität und Geschmack

„Zu den Zeiten meines Vaters hat man halt Schwarzbrot und Vollkornbrot gebacken. Heute produzieren wir mehr als zehn Sorten an Brot und ich fertige für jede einen eigenen Teig“, betont Jörg Fakler, der in der Produktion viel Wert auf Handarbeit und das Führen von Vorteigen legt. Er bereitet zusätzlich einen Sauerteig mit Hefekulturen zu, was zeitlich zwar aufwendiger ist, aber einen besseren Geschmack zur Folge hat. „Die Kunden schätzen diesen Qualitätsvorteil, kombiniert mit handwerklicher Backkunst und ausgewählten Zutaten“, sagt der erfahrene Bäckermeister, der natürlich auch Kuchen, Torten und Gebäck herstellt.

Brote für den Kinderhof

Eine starke Erinnerung hat der Hilferuf des Kinderhofs im Kreuzthal bei Jörg Fakler hinterlassen. Es war ein Wintertag Anfang der 60-er Jahre, meterhoch Schnee und kein Durchkommen. 70 Kinder waren angekommen und alle hatten Hunger. „Mein Vater hat den Holzofen angeheizt und Brote gebacken. Mehrere Männer bahnten sich mit Skiern und Rucksack einen Weg zum Kinderhof, damit sie etwas zu essen hatten“, erzählt Jörg Fakler.

Maria „schmeißt den Laden“

„Es war mit anfangs nicht bewusst, wie vielseitig und hoch der Arbeitsaufwand werden würde, aber irgendwie haben wir zusammen alles gemeistert“, schmunzelt Maria Fakler als engagierte Ehe- und Hausfrau, Verkäuferin, Mutter dreier Kinder und seit kurzem auch Oma .1979 hat die junge Frau aus Frauenzell nach Friesenhofen geheiratet. Markus, Thomas und Christina erblickten das Licht der Welt. „Die Kinder waren immer bei uns, ob mit dem Laufstall in der Backstube oder im Laden“, erinnert sie sich.

20 junge Menschen ausgebildet

Die Bäckerei war schon Anfang der 70er zum Lebensmittelfachgeschäft mit Kühltheken, Obst, Gemüse, Getränken uvm. geworden. Jörg’s Eltern halfen Jörg und Maria, solange es ging. Ein tiefer Einschnitt im Geschäftsleben war der Bau der Umgehungsstraße nach Isny bzw. Leutkirch Anfang der Achtzigerjahre. Einiges an Kundschaft fiel weg. Seit Jahrzehnten beliefert die Bäckerei diverse Einrichtungen, Gaststätten oder Schulen in Isny, Beuren, Leutkirch und Umgebung. Maria fährt Verkaufstouren nach Urlau und ins Kreuzthal. In den fünf Jahrzehnten hat die Bäckerei Fakler mehr als 20 junge Leute zum Bäcker ausgebildet. Beide Söhne haben Bäcker gelernt, sich jedoch für andere Berufszweige entschieden.

Bedauern und Verständnis

In der vergangenen Woche kamen etliche Dankesbriefe sowie Geschenkkörbe und sogar ein Ständchen von den Kindergartenkindern zu den Faklers. Viele bedauern die Schließung sehr, verstehen es aber. Das Ehepaar sieht es mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Nicht mehr für das tägliche Brot und Wohl der Leute sorgen zu können tut weh, aber seit 15 Monaten ist der erste Enkel Noah Fakler da. Er ist ein begeisterter Besucher bei Opa in der Backstube. Er will schon mithelfen und liebt Laugenbrezeln. Für ihn möchten und werden sie nun mehr Zeit haben.

Die Mitarbeiterinnen in der Backstube sind Carmen Borodkins und Erika Zaviska. „Die beiden sind ganz treue Seelen und waren immer pünktlich zur Stelle“, lobt Jörg Fakler.
Maria bedankt sich bei ihrer Schwester Frieda Dietrich und Schwägerin Hilde Reisacher, die jahrelang im Verkauf geholfen haben.

Feuerwehr, Judo und Kirche

Trotz seines anstrengenden Berufes hat sich Jörg Fakler am Dorfleben aktiv beteiligt. 38 Jahre half er bei der Freiwilligen Feuerwehr Friesenhofen, 28 Jahre lang hat er sich im Kirchengemeinderat eingesetzt. Sein ganz besonderer Verdienst ist die Gründung der Judo-Abteilung in der SG Friesenhofen 1971. „Ich war fast zehn Jahre lang leidenschaftlicher Judo-Kämpfer bei der TSG Ravensburg bis hinauf zur Oberliga“, erzählt der Bäckermeister, der nach dem Sport selten „gscheit“ einkehren konnte. Früh aufstehen war meist angesagt.

Auf die Rente freuen sich die Faklers. Beide sind Frühaufsteher, aber nun können sie gemütlich zusammen frühstücken. Ob wandern oder langlaufen, für vieles wird nun mehr Zeit bleiben.

Info: Am Montag, 31. Dezember, von 6 bis 12 Uhr ist zum letzten Mal geöffnet.

Gruppenbild: Jörg und Maria Fakler mit Enkel Noah. Links Hilde Reisacher, rechts die Mtarbeiterinnen in der Backstube Carmen Borodkins und Erika Zaviska (re.)

Alle Fotos: Carmen Notz

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Über Carmen Notz

Freie Journalistin für die Beilage "Leutkirch hat was" seit 2008 und der online-Zeitung "Wir in Leutkirch" seit Herbst 2013, beides Produkte der Schwäbischen Zeitung, Lokalverlag Leutkirch.