Kultiges Elektrogeschäft der Familie Merk ist seit Dezember Vergangenheit und ein Stück Leutkircher Geschichte

Leutkirch – Es war einmal in Leutkirch… in den 50-er Jahren in der Marktstraße-Nord eine Filiale von Samenhaus Fleischer (heute in Ravensburg). 1965 eröffnete Karl Merk dort auf ca. 50 qm ein Elektrogeschäft. Bis 2018 hat sich zwar ständig das Sortiment verändert, das Geschäft selbst hatte sich jedoch den herben Charme der 60er bewahrt, was heutzutage ja als kultig gilt. Die Merks haben sechs Kinder großgezogen, zwei Geschäfte betrieben (in Leutkirch und in Bad Waldsee) und haben bis weit ins Rentenalter hinein gearbeitet. Nach 56 Jahren schlossen sie ihr Geschäft in der Marktstraße-Nord am 2. Adventssamstag für immer. Rosa Merk, als Autorin kleiner Broschüren bekannt, hat immer gerne gedichtet und so hängt ein kleines Abschiedsgedicht im leeren Schaufenster.

Karl Merk wurde 1937 in Molpertshaus, Gemeinde Wolfegg, geboren und lernte nach der Schule den Beruf des Elektrikers. Seine Prüfung zum Meister machte er in Bad Waldsee und eröffnete am 1. Januar 1963 ein kleines Geschäft in seinem Heimatdorf. Am 1. Juli 1963 zog er mit dem Geschäft nach Leutkirch in die Gerbergasse 4, da er in der Stadt bessere Möglichkeiten sah.Rosa Merk mit Jahrgang 1946 bezeichnet sich als „Nachkriegsware“, stand und steht bis heute fest im Leben, das alles andere als ein „Ponyhof“ war. Sie wuchs in Bergatreute auf und arbeitete nach der Schule bis zur Heirat im elterlichen Betrieb. „Ich hab die Frau meines Lebens gesehen“, sagte Karl Merk einst zu seinen Freunden nach einem Einkehrtag der Kath. Jugend Anfang der 60-er Jahre, als er die junge Rosa in der Kirche gesehen hatte. Er machte sie ausfindig, lud sie zum Tanzen nach Bad Waldsee ein und „es hot bei boide basst“, schmunzeln sie übereinstimmend nach 53 Jahren Ehe im Jahr 2019. Aus der Ehe gingen vier Buben und zwei Mädels hervor.

Zwei Geschäfte und 6 Kinder – geht alles

1965 ergab sich für Karl Merk die Chance, mit seinem Elektrogeschäft in eine bessere Lage, in die Marktstraße umzuziehen. Nach der Heirat 1966 half ihm seine Frau beim Verkauf. Mitte der 70er Jahre eröffneten sie ein zweites Elektrogeschäft in der Altstadt von Bad Waldsee. „Ich hab immer gearbeitet, bis kurz vor der Geburt der Kinder. Um 22 Uhr nach der Arbeit war ich daheim, um 3 Uhr dann im Kreißsaal“, berichtet sie trocken, als ob es ganz normal wäre. Der zweitälteste Sohn Peter lernte wie sein Vater das Elektrohandwerk, machte den Meister und hat 2001 das Hauptgeschäft in Bad Waldsee sowie die Filiale in Leutkirch übernommen. Nicht nur Rosa und Karl Merk sind seit mehr als fünf Jahrzehnten für die Kunden da, eine sehr treue Mitarbeiter-Seele war bis 2015 auch Rosemarie Kathan aus Leutkirch. 44 Jahre lang, ohne Unterbrechung hat sie in der Marktstraße gearbeitet und nicht wenige dachten, das ist die Chefin, weil sie alles in- und auswendig wusste. Bis 2018 half sie manchmal aus.

Die Leidenschaft: Schreiben und Dichten

Rosa Merk hat schon in der Schule gerne geschrieben und später immer wieder zu Feierlichkeiten etwas gedichtet. „Ab 2000 hab ich begonnen, alles zu sammeln und da kam mir auch der Gedanke, dass ein Menschenleben wie ein Jahreszyklus ist, vom Frühling (Jugend) bis zum Winter (das Alter). Diese Geschichte hab ich aufgeschrieben und vor zehn Jahren darüber eine Broschüre herausgebracht“, erzählt die flotte 72-Jährige. Es ist eine sehr lesenswerte Geschichte mit viel Lebenserfahrung geschrieben, mit Vergleichen und Beispielen aus der Natur, mit Lebensgeschichten, Ereignissen, wie sie viele erleben oder erlebt haben. Auch die vielen Gedichte hat Rosa Merk als gesammeltes Werk drucken lassen. Gedichte zu Geburtstagen und Hochzeiten, zu besonderen Ereignissen oder auch passend zum Geschäft. Man kann diese Hefte immer noch bei ihr bekommen.

55 Jahre Sortiment: Sensationen waren Microwelle und Spülmaschine

„Hier ist der Kunde König, ob er viel kauft oder wenig usw.“- Immer wieder stellte Rosa Merk ein Schild mit ihren Reimen vor den Ladeneingang, der noch genauso aussieht wie zur Eröffnung. Auch innen hatte sich kaum etwas verändert. Die Wand mit den vielen kleinen Schubladenkästen, Regale mit dem Sortiment, Lampen, die von der Decke hängen und ein großes Schaufenster mit den neuesten Artikeln. „Das einzig wirklich Revolutionäre bei Elektrogeräten für den Haushalt in all den 50 Jahren waren die Microwelle und die Geschirrspülmaschine. Das waren Renner – heute ist das alles selbstverständlich“, erzählt Karl Merk. Viele Kunden schätzten bis zum Schlussverkauf immer noch ihren kleinen, übersichtlichen Laden aus dem Jahr 1965, denn heute gibt es dieses Sortiment fast nur noch in großen Elektronik- oder Baumärkten. Die Merk-Kinder haben gute Berufe ergriffen, wohnen alle in Oberschwaben und in der Schweiz und haben Rosa und Karl Merk schon 15 Enkel beschert. Mit über 80 und über 70 Jahren haben beide noch gut und gerne in ihrem kultigen Leutkircher Traditionsgeschäft gearbeitet, jedoch nur noch vormittags. „Es hat  Spaß gemacht, aber nun wird es Zeit aufzuhören und den Ruhestand zu genießen“, sind die beiden sich einig, wie so oft.

Übrigens: Das Haus in der Marktstr. 34 stammt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts und steht unter Denkmalschutz. Bis zu den 50-er Jahren war dort die Seilerei Metzler ansäßig, mit Werkstatt und Laden. Seit 1974 ist Familie Merk Hauseigentümer. Wie es nun weitergeht, darauf darf man gespannt sein.

Text und Bilder vom Laden und die ganze Familie 2019: von Carmen Notz

3 Archivbilder vom Geschäft früher: Fam. Merk

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