Jogginglauf über das Pedal: Abschluss der Orgelmatinee zur Marktzeit 2016

Ganz im Zeichen der klanglichen Möglichkeiten der Karll- Orgel stand dieses letzte Konzert der Matinee zur Marktzeit des Jahres 2016. Im ersten Stück öffnet sich dem Zuhörer ein großer  Kathedralraum, dessen Schönheit und Würde vom Organisten musikalisch dargestellt wurde. Im Verlaufe verschwimmt dieses Bild in nebulöser Ferne, einem Trugbild gleich. Ein heroischer Marsch mit Vor-und Nachschlag zeigte, dass die Orgel ein Instrument ist, das festliche Atmosphäre verbreitet und etwas Majestätisches hat. Der am 8. Oktober 1870 geborene Komponist und berühmte Orgelvirtuose Louis Vierne studierte bei Cesar Frank und Charles Widor und war ab 1900 Organist an Notre-Dame in Paris bis zu seinem Tode. Neben der Orgelmusik komponierte er auch symphonische Orchesterwerke und Chorwerke. Im letzten Stück spielte Jürgen Sonnentheil aus den „Pieces de Fantaisie“, op. 53. Es handelt sich dabei um eine Sammlung kurzer Kompositionen, die der Komponist teilweise nur für den Konzertgebrauch komponiert hat.

Das berühmte „Air“ von Johann Sebastian Bach in einer Bearbeitung von Siegfried Karg-Elert klang andächtig, die durchlaufende Bassfigur im Pedal tropfte quirlig erfrischend, ganz neu beseelt interpretierte Sonnentheil diesen „abgespielten Ohrwurm“, verzögerte hie und da, trillerte dezent und wenig  barockig-süßlich. Nüchtern-nordisch, das drückt seine Interpretation wohl am trefflichsten aus.

Der in Süddeutschland geborene Organist Jürgen Sonnentheil zeichnet sich für die umfangreiche Kirchenmusik an St. Petri in Cuxhaven verantwortlich. Er ist internationaler Preisträger von vielen Orgelwettbewerben und zeigt durch sein Spiel die unermesslichen Klangmöglichkeiten. Seine Virtuosität und ausgeprägte Sinnlichkeit in der Registrierung hat an diesem Samstagmorgen auch die Zuhörer in St. Martin begeistert.

Was das Besondere dieses Konzertes war, das sah man auf der großen Leinwand, das war das Wirken des Organisten im Bereich der Pedaltechnik. Unglaublich, mit welcher Präzision, Leichtigkeit und Gleichmäßigkeit der Organist agierte. Beeindruckend, wie seine Füße über die Pedale in einer Art Jogginglauf unterwegs waren. Von oben nach unten und umgekehrt. Ganz im Gegensatz zum extravaganten, weltweit millionenfach auf youtube angeklickten US-amerikanischen Cameron Carpenter, der werbewirksam über die Pedale „rockt“ und die etablierte Orgelszene ganz schön aufwirbelt.

Man kann durchaus dem zustimmen, was Kirchenmusiker Franz Günthner in seinen kurzweiligen Einführungen humorig erläuterte: „Das Beste kommt zum Schluss“ und „… bei dieser Art von solistischen Pedalstücken  erspart sich der Organist das Joggen am Morgen.“

Die wohl bedeutendste französische Komponistin für moderne Orgelmusik Jeanne Demessieux schrieb die berühmt-berüchtigten sechs Etüde, in denen sie vor allem auf mehrstimmiges Pedalspiel Wert legte. Robert Schumanns Stück aus den Studien für den Pedalflügel op. 56, betitelt: „Mit innigem Ausdruck“, rundete die Matinee ab und zeigte die romantische Verspieltheit in reizvoller Harmonik.

 

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