Koenig sät die Erinnerung in die Herzen

Leutkirch – Die Kultur des Erinnerns in Leutkirch erfährt aufgrund der Ausstellung “Odyssey” des britischen Künstlers Robert Koenig derzeit einen Höhepunkt. Wenngleich sich die Stadt im Allgemeinen und der ehemalige Stadtarchivar Emil Hösch im Besonderen seit Jahrzehnten ihrer schwarzen NS-Vergangenheit bewusst ist. 1985 publizierte die Schwäbische Zeitung eine Serie, die sich mit den letzten Kriegstagen auseinandersetzte. Auch die Schicksale der Familien Hassler und Gollowitsch zeigte Autor Emil Hösch damals auf.

Bereits in den Jahren 1949 bis 1953 habe sich der Gemeinderat mit der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen in Leutkirch beschäftig. Für den auf dem heutigen Kornhausplatz stehenden “Schatten” – ein Geschäftshaus der jüdischen Familie Gollowitsch -, der während des Dritten Reiches zwangsenteignet worden war, bezahlte die Stadt letztlich 20000 D-Mark an die Erben. Was die 1953 zahlreich im Ratssaal vertretenen Bürger mit “höhnischem Lachen” quittiert hatten, wie Hösch sich im Gespräch mit der Schwäbischen Zeitung an den Inhalt alter Sitzungsprotokolle erinnert.

Als ersten Akt der Aufarbeitung wertet der ehemalige Gymnasiallehrer dieses höhnische Lachen. So sei den meisten Leutkirchern damals bewusst gewesen, dass den Gollowitschs unermessliches Leid widerfahren war, das mit diesen lumpigen 20000 D-Mark nicht getilgt werden könne. Erst Mitte der 1980er-Jahre kommt mit Höschs ehrenamtlicher Tätigkeit als Stadtarchivar das Erinnern zurück. 1986 lässt die Stadt eine Gedenktafel für die Familie Gollowitsch am Kornhaus anbringen. Und 1998 präsentiert Emil Hösch sein Büchlein “Die Gollowitsch in Leutkirch – Schicksal einer jüdischen Familie”. Was jedoch dieses knapp 20 Seiten starke Druckwerk an Leid aufarbeitet, ist für die Generation danach kaum fassbar: Erniedrigung, Entwurzelung, Unterdrückung, Vertreibung, unendlicher Schmerz sowie gewaltsamer Tod.

Mit Robert Koenig ist die Leutkircher Kultur des Erinnerns so präsent wie selten. Der Zufall – oder eine höhere Macht, wie der ruhige, feinsinnige Künstler sich im Gespräch ausdrückt – hat Koenig nach Leutkirch gebracht. Während seiner Odyssey-Ausstellung am Trafalgar Square 2012 spricht der Künstler die Leutkircherin Claudia Bühler an – zwei Mal. Diese wiederum dient letztlich als Türöffner des Engländers nach Deutschland. Vom Wartesaal England spricht der Mann aus Manchester. Denn durch die Stadt Leutkirch und seine Bürger sei er endlich angekommen, in dem Land, in dem seine Mutter Maria, eine gebürtige Polin, 1942 Zwangsarbeit in einem Lager in Speyer leisten musste.

Und wieder scheint es kein Zufall zu sein, dass diese 42 im Werk Koenigs eine außerordentliche Rolle einnimmt: 1942 wurde die jüngste Gollowitsch-Tochter Lilo deportiert. In Holzskulptur Nummer 42, die der 52-Jährige dieser Tage in Leutkirch geschaffen hat, lässt er die Erinnerung an die junge Leutkircherin Jüdin aufleben, die dem NS-Terrorregime zum Opfer gefallen ist. Eine Symbolik die der zurückhaltend-stille Denker kaum mehr als in den Raum haucht.

Auch wenn er sagt “Leutkirch ist besser als jede andere Ausstellung in den vergangenen 16 Jahren”, so schwingt keinerleit gekünstelter Pathos mit. Es kommt aus tiefstem Inneren und berührt als er nachschiebt: “In Leutkirch ging es tiefer, es war solch ein starkes Gefühl, solch eine unglaubliche Resonanz.” Koenigs Gabe ist es, bei den Menschen diese Resonanz auszulösen. Und nur deshalb berührt seine Kultur des Erinnerns die Herzen der Leutkircher so tiefgreifend – über alle Generationen hinweg.

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