Musikkapellen in Zeiten von Corona: Musiker verlieren nicht die Hoffnung auf Konzerte

Leutkirch – Nicht nur größere Veranstaltungen aller Art fallen bis auf Weiteres aus, auch die geplante Begleitung durch Musikkapellen bei weltlichen und kirchlichen Festen und natürlich auch Konzerte und Feste der Musikkapellen, ganz zu schweigen von unzähligen Proben, die nicht stattfinden können inklusive der Verbundenheit durch die Musik und die sozialen Kontakte. Wie gehen Dirigenten, Musikerinnen und Musiker (MuM) mit einer Situation um, die noch nie da war, die beispiellos ist und kein „Handbuch“ hat, höchstens ein Notenbuch. „Corona-Auszeit auch hier, bedingungslos. Seit Mitte März sind alle Proben gestrichen, Konzerte abgesagt, Wettbewerbe gecancelt, der Focus richtet sich auf die zweite Jahreshälfte.

Zur aktuellen Lage geben zwei Dirigenten ihr Statement, Dirigent Thomas Wolf aus Unterzeil, musikalischer Leiter einiger Kapellen, u.a. das Sinfonische Blasorchester Leutkirch im Allgäu (SBLA), des Kreisverbandsjugendblasorchesters (KJBO) und der Brass Band A7 sowie Stadtmusikdirektor Wolfgang Halder, Dirigent der Stadtkapelle Leutkirch, dem Jugendblasorchester (JBO) Leutkirch sowie Lehrer an der Jugendmusikschule Württembergisches Allgäu (JMS).

Geprobte Literatur gerät in Vergessenheit

„Aktuell planen kann man nicht wirklich. Nicht einmal die Jahreskonzerte im Herbst sind sicher. Es heißt: Abwarten und die Hoffnung nicht verlieren“, sagt Thomas Wolf und weiter: „Auf den ersten Blick überwiegen die teils extrem negativen Auswirkungen auf die Kapellen, denn Vereins- und Musikfeste müssen abgesagt oder verschoben werden. Kirchliche und weltliche Auftritte in der Gemeinde können nicht stattfinden und werden ersatzlos abgesagt. Bereits geprobte Literatur und vorbereitete Stücke geraten wieder in Vergessenheit und müssen irgendwann aufgearbeitet werden. Musikschulen sind geschlossen und viele freischaffende Musiker und Künstler stehen vor ernsthaften finanziellen Sorgen.

Umso wichtiger ist es Thomas Wolf, in dieser „Zeit der Pandemie“ auch das wenige Positive deutlich zu unterstreichen: „Viele MuM spüren wie viele andere auch, wie sehr ihnen das kulturelle Leben fehlt. Getreu dem Motto: Man weiß erst was man hatte, wenn man es verloren hat – oder darauf verzichten muss.“ Thomas Wolf spricht im Sinne vieler Kollegen und MuM: „Uns allen fehlt die Musik als Teil unserer Freizeit, als Teil unseres Lebens. Umso größer wird die Freude sein, wenn wir wieder gemeinsam proben, musizieren und auftreten dürfen.“

Aufschwung ist nicht beeinträchtigt

Die Blasmusik habe in den letzten Jahren einen starken Aufschwung erlebt. Dirndl, Lederhose und Blasmusik seien bei der jungen Generation so beliebt und “in” wie noch nie. Zu verdanken sei dieser Trend der sehr guten Jugendarbeit der Vereine und der professionellen Arbeit an den Musikschulen. Thomas Wolf ist überzeugt: „Diese positive Entwicklung ist schon viel zu weit fortgeschritten, als dass sie sich durch die aktuelle Pandemie beeinträchtigen lassen würde.“

Kreativer Umgang mit neuen Medien
Die MuM aller Kapellen können eine Lockerung der Corona-Vorschriften kaum erwarten. „Alle, vom Dirigent bis zum Jungmusikant, würden genau da weitermachen, wo sie aufgehört hätten, vielleicht sogar noch intensiver“, sind sich Thomas Wolf und Wolfgang Halder sicher. Außerdem zwang die Corona-Pandemie die Dirigenten sowie MuM auf positive Weise zum kreativen Umgang mit neuen Medien in Verbindung mit Blasmusik. So gab es in den letzten Wochen beispielsweise unzählige „Distant-Banding”-Videos in den sozialen Netzwerken. Zigtausend-fach wurden die Videos der Kapellen und kleinen Besetzungen geteilt, geliked und digital bejubelt.

Jeder Musiker empfindet anders

SMD Wolfgang Halder ist mit der Vorstandschaft des Fördervereins und den MuM viel im Austausch. Es wird versucht Wege zu finden, um einen möglichen Probebetrieb zu erarbeiten. „Besondere Situationen bedürfen besonderer Lösungen. Jeder Einzelne empfindet anders und ist mehr oder weniger sensibel eingestellt. Die Bedürfnisse und teils auch Ängste der einzelnen Musiker müssen akzeptiert und in die Pläne mit einbezogen werden“, sagt Wolfgang Halder. Sobald von der Regierung das O.K. komme, werden Musikkapellen und Chöre den mit Sicherheit veränderten Probebetrieb starten.

Besonders schmerzhaft waren für Wolfgang Halder und seine MuM, dass neben dem Frühjahrskonzert mit der Musikkapelle Haidgau jetzt auch das Kinderfest in Leutkirch aufgrund der „Corona-Vorgaben“ abgesagt werden musste. Für das JBO entfällt auch die geplante Konzertreise und Austausch nach Lamalou-les-Bains Man habe die zweite Jahreshälfte im Blick und werde sich dann auf das Herbstkonzert Ende November konzentrieren. Für die MuM bleibe im Moment nur das Üben zu Hause, verbunden mit der Vorfreude auf die hoffentlich bald wieder beginnenden Proben.

Eltern und Schüler schätzen den Video-Unterricht

Kreativ, innovativ, aber auch aufwendig ist der Umgang mit den neuen Unterrichtsformen an der JMS geworden. Viele Schulen und Lehrer sind auf digitale Plattformen umgestiegen, um den Unterricht weiterhin zu gewährleisten und ihre Schüler trotz Quarantäne und Kontaktverbot zu unterrichten. Viele Eltern und auch die Schüler selbst wissen diesen Einsatz sehr zu schätzen. „Das enorme und manchmal fast nicht leistbare Engagement der Eltern, z.T. unterstützt durch die Großeltern, muss hier erwähnt werden. Den Spagat zwischen beruflichem Homeoffice, Home-Scooling, fehlender Hardware in Verbindung mit den normalen „Alltagssorgen“ ist manchmal fast nicht zu schaffen. Erschwerend kommt in manchen Ortsteilen die z.T. immer noch schwache und langsame Internetverbindung erschwerend hinzu“, betont Halder.

Unterricht per Video sei für alle ungewohnt, doch jeder JMS-Lehrer versuche, die bestmögliche Betreuung aller seiner Schüler zu gewährleisten. Wann genau die Musikschulen ihre gesamtumfängliche Arbeit wieder aufnehmen dürfen, steht aktuell noch nicht fest. „Die Bedenken seitens der Politik sind noch sehr groß. Bis zum normalen Schulalltag wird es also noch eine Weile dauern“, so die Dirigenten.

Fotos: Konzert des SBLA mit Musikern aus allen Leutkircher Kapellen vom Januar 2020 in der Festhalle mit Dirigent Thomas Wolf

Stadtkapelle mit Dirigent Wolfgang Halder, Proben und Konzert

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