Neues Buch vom Urlauer Autor Joachim Schwarz: Zeitzeugen berichten über die Kinderlandverschickung ins Allgäu

REGION URLAU – Wie kommt man auf dieses Thema der KLV (Kinderlandverschickung), wann war das und wer war betroffen? Das sind Fragen, die sich beim Buchtitel „Heimkommen“ stellen. In den Kriegsjahren 1942/43 verschickte man Kinder z.B. aus dem „Ruhrpott“ in sichere Gebiete, wie nach Süddeutschland, aufs Land zu Bauernhöfen, u.a. auch nach Urlau. Schicksale mit Heimweh, aber auch mit Lebensglück und neuen Existenzen im Allgäu werden nun erstmals von Joachim Schwarz veröffentlicht. Bekannt als Buchautor von „Hinat und Dinat“ hat sich der Alltags- und Weltenradler Joachim Schwarz aus Urlau diesem Thema gewidmet, nachdem ihn Hermann Rittermeier (*1936) bereits zum Advent 2014 angesprochen hatte, man könne auch mal eine Geschichte über ihn schreiben, bzw. über die Kinder, die vom Rheinland mit dem Zug ins Allgäu geschickt wurden, als Bombenhagel der Allierten im Ruhrgebiet drohte.

Rittermeier  habe sich damals freiwillig gemeldet, als es in der Schule hieß: „Wer von Euch will weg hier?“ Die Eltern waren entsetzt, doch letztendlich saß er mit vielen anderen Schulkindern der Geburtsjahre 1932 bis 1938 in einem Sonderzug, der von Duisburg nach Herbertingen fuhr, und von dort Richtung Isny. Dann teilte man die Kinder auf in verschiedene Landstriche, wo sich Familien gemeldet hatten, die Kinder aufnehmen konnten, meist auf Bauernhöfen, nach dem Motto: „Den bringa mr au no durch“. Rittermeier kam auf den Baurawanger-Hof nach Urlau und ging nach dem Krieg wieder zurück. Er lebt jetzt in Düsseldorf.

Josef Scherkl hat das Leben auf dem Hof dokumentiert

Joachim Schwarz begann nach Leuten zu suchen, die im Rahmen der KLV noch im Raum Urlau gelebt hatten oder geblieben sind, und sich ein neues Leben aufgebaut hatten. Bei Brack in Haselburg wurde er fündig. Hier lebte Josef Scherkl als Kind. Später hat er alle seine Erinnerungen aufgeschrieben und auch die bäuerlichen Abläufe exakt wiedergegeben. Scherkl ging zurück in den Pott und lebt in Moers. So wie er waren diese Kinder bis 1946/47 in der Fremde, doch den meisten gefiel es auf den Höfen mit den Tieren, obwohl sie auch mithelfen mussten. Nach der Währungsreform kehrten viele Kinder zurück in ihre eigentliche Heimat oder wurden von den Eltern heimgeholt.

Christl Stötter hat mit der “Roten Flüh” eine Existenz aufgebaut

Im Kreuzthal fand der Dipl.-Agrarwirt und Fachschullehrer Joachim Schwarz ebenfalls jemanden. Der jetzige Ferienhof Schad kurz vor Eisenbach hatte damals die junge Christl Stötter aufgenommen. Viele kennen sie als ehemalige Wirtin vom Batschen, später eröffnete sie das Gasthaus Rote Flüh im Kreuzthal. Auch sie war bereit, aus ihrem Leben zu erzählen. Als vierte Person hat der Autor eine Sigrid Mosler ausgemacht, die einst auf dem Schwenkhof in Missen war und das Kriegsende mit dem „hochbrisanten Muna-Geschehen“ erlebte. Sie wohnt jetzt in Thuine in Niedersachsen, wo Schwarz sie zum Interview besuchte.

Und sogar eine nicht unbekannte Leutkircherin, Wiltrud Ehrlenspiel, wurde als Stuttgarter Kind in den sicheren Süden geschickt, zur Großtante nach Leutkirch, wo sie über internationale Umwege dann auch schließlich geblieben ist.

Paul Breins berichtet als Urlauer Zeitzeuge

Auch die Sicht eines Zeitzeugen aus Urlau sollte im Buch erscheinen und dafür konnte der Autor Paul (Elektro) Breins gewinnen. „Zudem war noch einiges im Ortsarchiv vorhanden“, erzählt Joachim Schwarz, der insgesamt sechs Jahre lang recherchiert hat. Die „Pott-Kinder“ kannten sich untereinander nicht, außer man begegnete sich mal zufällig in Urlau in der Kirche, falls man überhaupt auf das Thema der Herkunft kam.

Geschrieben hat Schwarz sein Buch „Heimkommen“ von März bis Oktober in der „Corona-Zeit“ 2020. Der Einband ist in rosa-pink gehalten, weil dies die Farbe der damaligen Bekanntmachungen war, wie das Plakat „Luftnotgebiete: Kein Platz für Kinder“ (Foto).

Das Buch hätte Schwarz gerne als in einer öffentlichen Lesung vorgestellt, was aber derzeit nicht möglich ist. Man bekommt es im Leutkircher Buchhandel und bei Papier Wagenseil, im Buchladen Bad Wurzach, bei Buchhandlung Igel und Mayer in Isny und bei ihm privat in Urlau, Alpenblickweg 18, dem Stüble des Schwenkhofs sowie im Laden der Genussmanufaktur Urlau. (von Mittwoch bis Sonntag ab 10 Uhr geöffnet – Dienstag auch der Dorfladen) Der Eintritt ist derzeit für alle frei.

Text/Bilder: C. Notz u. J. Schwarz

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